Nikon Z9 - Das neue Flaggschiff und die ersten Wochen mit ihr und mein Umstieg zur spiegellosen Welt

Zu Zeiten von Seeschlachten und Flotten bezeichnete man als Flaggschiff meist das größte und kampfstärkste Schiff des Verbandes.

In der heutigen Zeit wird dieser Begriff oft in der Wirtschaft verwendet, um die neuste und beste Technik auf dem Markt zu benennen. Im Bereich der Fototechnik ist es ganz einfach, die Kamera, die das Vorzeigemodel eines Kameraherstellers ist, ist das Flaggschiff. Die Kamera, die an der Spitze der Modellhierarchie steht.


Nun ist natürlich besonders zu erwähnen, dass nicht die Technik das Foto macht, sondern das Herz und Hirn, das hinter dem Auge steckt, welches durch den Sucher schaut.

Aber es ist doch ein Unterschied, in welcher Weise eine Kamera, das Werkzeug, den Fotografen dabei unterstützen kann, das Bild, welches er vor dem inneren Auge hat, auch auf den Sensor zu bringen.

Unter Fotografen stellt man sich oft die Frage, mit was man denn fotografiert, welches 'Werkzeug' man benutzt.

Ich fotografiere seit 2006 mit Nikon. Angefangen mit einer D80 als Einstiegsmodel, hin über die D300s. Beide sind Crop-Kameras gewesen und da diese Kamera relativ (zum heutigen Standard) wenig technische Unterstützung mitbrachten, waren es diese Pferde auf denen ich das (fotografische) Reiten lernte. Im Nachhinein waren es genau diese Kameras, die mich dazu zwangen, die Technik richtig zu beherrschen, damit später gute Bilder dabei herauskamen. So lernte ich im Laufe der Jahre die Bilder so aufzunehmen, dass eine digitale Retusche eigentlich gar nicht nötig ist. Mit dem Beherrschen der richtigen Einstellungen, sowie der richtigen Lichtführung und auch Bildaufbau.

Das ist bis heute mein Anspruch an mich selbst. Das Bild muss beim Aufnehmen bereits 'fertig' sein. Kein Photoshop, keine Apps oder Filter nötig damit es wirkt. Erst dann ist es für mich ein gutes Bild und gutes Handwerk. Natürlich verzichte ich nicht auf die digitale Retusche. Dies ermöglich es einem guten Bild perfekt zu werden. Die Basis muss aber immer bereits stimmen.


Das macht auch seit Jahren meinen Bildstil aus. Mir ist es wichtig, natürliche Aufnahmen zu schaffen. So wie sie da sind, wie man sie vor Ort erlebt. Ohne viel digitales Schnickschnak und Verunstalten der Bilder durch übermäßige digitale Nachbearbeitung.

Das ist mir persönlich sehr wichtig und dabei muss meine Nikon das passende Werkzeug sein, um Bilder so festzuhalten.


Nach den beiden Einsteigermodellen stieg ich dann mit der D810 und der aktuellen D850 auf Vollformat um.

Bis dahin vier Kameras mit Spiegel, die mich bis zum heutigen Tag nacheinander begleitet haben.

Vier Kameras mit einem optischen Sucher, der das echte Bild durch einen Spiegel in der Kamera zu meinem Auge wirft.

Das fotografierte Bild sah ich dann auf dem Display nach der Aufnahme. Erst dann merkte man, ob die Einstellungswahl richtig getroffen wurde. Ein wenig zu vergleichen, wie mit dem früheren Rollfilm, mit dem ich aufgewachsen bin als Kind der 80er Jahre. Nur war es da nicht ein Bruchteil einer Sekunde, sondern ein paar Tage, bis man seinen 'Schlamassel' sah und beim nächsten Fotografieren korrigieren konnte.

Aber anhand dieser optischen Sucher lernte man seine Technik kennen, welche Einstellungen was bringen und wie man die Kamera nutzt um zum Ziel zu gelangen.


Seit wenigen Jahren erobert nun allerdings die neue Generation der Kameratechnik den Markt und den Alltag der Fotografen.

Spiegellose Kamera ohne Spiegel und mit digitalem Sucher, der bereits das 'fertige' Bild in Echtzeit darstellt. Je nachdem welche Einstellungen ich an der Kamera ändere, sehe ich das bereits im Sucher anhand meines Motivs. Belichte ich über oder unter? Dies wird digital bereits von der Kamera wiedergegeben, schon während des Fotografierens.

Als Nikon seine ersten digitale spiegellose Kameras, die Z6 und Z7, auf den Markt brachte, war ich sehr skeptisch. Ich hatte bei der Vorpremiere Ende 2018 eine der Modelle in der Hand und durfte testen. Dieser digitale Sucher war mir so fremd. Man sah nicht das echte reale Bild, sondern auf ein kleines Display.

An diesem Abend entschied ich mich für die Neuanschaffung der Spiegelreflexkamera D850 und nicht der Z7. Ich fühlte mich wohl mit meinem Spiegel und nicht dem digitalen Displaysucher.

Doch die Zeit verging und im November 2020 brachte Nikon die zweite Generation der spiegellosen Kamera heraus. Die Z6II und Z7II. Verbesserte Prozessoren und einige neue Features, die die Kameras im Vergleich zur ersten Generation verbesserten.

Besonders das Filmen wurde hier deutlich verbessert. Auf Grundlage dieser technischen Verbesserungen an der spiegellosen Generation entschloss ich mich nun für eine kleine Z6II. Als Backup-Kamera und zum nebenbei Filmen, sowie als Urlaubskamera, wenn meine schwere D850 zuhause bleibt.


Diese Z6II wurde allerdings, nachdem ich mich an den digitalen Sucher und dessen Vorzüge gewöhnt hatte, zu meinem dauerhaften Begleiter. Meine D850 Spiegelreflex bliebt immer öfter im Rucksack.

Die Arbeit mit der Z6II war nicht anders, nur war sie schneller. Ich kam schneller zu meinem fotografischen Wunschergebnis, weil ich das Bild und dessen Ergebnis sofort bereits im Sucher sah und kaum nachjustieren musste.

Die Shootings waren für mich weniger technisch, ich konnte mich mehr auf das Gestalten selbst konzentrieren.

Das war der Beginn meiner Liebe zu den spiegellosen Kameras.


Da ich sehr gerne den digitalen Kameramarkt verfolge waren schon seit Monaten Gerüchte im Umlauf, dass Nikon an einem Flaggschiff arbeitet. Eine Kamera, die für Presse und Sport konzipiert wird, eine Arbeitsmaschine, aber die Vorzuge der spiegellosen Technik hat.

Die Gerüchte wurden dann im Sommer 2021 immer fester, teilweise mit technischen Infos, die durchsickerten.

Da ich nicht wusste wann sie auf den Markt kommt und was sie kann, aber wusste, dass es gut wird, da bereits meine kleine Z6II zu meinem Liebling wurde, entschied ich mich mit dieser Kamera zu einem gesamten Umstieg zur spiegellosen Technik. Ich suchte also im Sommer 2021 meinen lokalen Fotofachhändler des Vertrauens auf und setzte mich auf die Warteliste für die Z9 (deren Name da bereits in der Gerüchteküche durchgesickert war). Zu meiner Verwunderung war ich nicht die erste auf dieser Liste, aber fast ganz vorne.


Die Zeit verging und Ende Oktober 2021 wurde die Z9 dann seitens Nikon als Flaggschiff bei einem großen Premierenevent vorgestellt.

Ab dann konnte man offiziell die Nikon online vorbestellen. Angekündigt wurde sie für Dezember 2021.

Nun waren auch alle technischen Daten und alles was sie können wird, bekannt gegeben. Es wird ein Kamera-Monster sein.

Alles was ich mir in meiner Fotografiezeit seit 2006 in einer Kamera gewünscht habe, was mich an anderen gestört hat, wird diese Kamera mitbringen.

Im Dezember war es klar, dass die Kameralieferungen seitens Nikon den Vorbestellern monatelang nicht nachkommen werden. Der Chipmangel in der Coronazeit bremst die Produktion auf wenige Modelle im Monat für die ganze Welt.


Da ich die Kamera allerdings bereits im Sommer, weit vor der offiziellen Veröffentlichung und dem Ansturm auf die Vorbestellungen reserviert habe, hatte ich das Glück bei der ersten handvollen Lieferung meines Händler dabei zu sein und bekam meine Z9 bereits im Januar.


Seit dem habe ich sie nun im Einsatz, kann die ganzen technischen Verbesserungen ausreizen und in der Tierfotografie für meine Bedürfnisse testen.


Ich möchte hier keine fachtechnische Rezension über diese Kamera machen, denn diese gibt es bereits zu Hauf im Internet.

Ich möchte eher berichten, wie sie meine Arbeit persönlich als Tierfotograf nun beeinflusst.


Der Hauptgrund für den Umstieg auf die Z9 war der verbesserte Autofokus. Früher war das Fokussieren und Scharfstellen auf dem Motiv, besonders bei Rennbildern nicht ganz einfach.

Man legt einen Fokuspunkt im Sucher fest und hält dann auf das schnell rennende Motiv drauf. Im besten Fall auf dem Auge, denn das soll scharf sein.

Schnell passierte es, dass die Bewegung des Tieres zu schnell, zu unvorhersehbar war und man als Fotograf nicht schnell genug mitziehen und nachfokussieren konnte oder die Kamera die Nachführung des Autofokus nicht schnell genug hin bekam.

Das Ergebnis waren unscharfe Bilder. Besonders bei lustigen Momenten war es oft eine Frage des Glück, dass der Autofokus in diesem Moment genau richtig saß. Mit genug Erfahrung bekommt man trotzdem die Bilder hin, die man sich als Fotograf vorstellt, aber manchmal nicht auf Anhieb. So ärgert man sich über das ein oder andere unscharfe Bild, welches der Autofokus in dem Moment nicht hin bekommen hat.

Besonders scharfe Bilder von rennenden oder fliegenden Tieren (oder auch rennenden Menschen) trennt bei Fotografen die Spreu vom Weizen, denn hier muss man seine Technik bis ins Detail richtig anwenden können und beherrschen, sowie die Erfahrung mitbringen um gute Ergebnisse zu bekommen.

Der Ausschuss war allerdings trotzdem immer hoch, da der Spiegelschlag zu langsam ist, die Bilder evtl. unscharf sind oder man das bewegende Objekt verliert. Bei den spiegellosen Z6(II) und Z7(II) wurde der Autofokus deutlich schneller, allerdings haben beide Modelle einen sogenannten Blackout. Ein kurzes schwarzes Bild bei jedem Auslösen im digitalen Sucher, in dieser Zeit schreibt die spiegellose Kamera das Bild auf den Sensor und bedient nicht mehr den Sucher, weshalb das Objekt nicht zu sehen ist . Genau dieses kurze schwarz werden, lies mich das rennende Objekt immer aus den Augen verlieren und nicht mehr richtig nachziehen.

Den Blackout gab es bei den Spiegelreflex nicht. Das Arbeiten mit Spiegel und sich schnell bewegenden Objekten und das Nachziehen war deutlich einfacher. Dies war mit den spiegellosen nicht möglich.


Ich gehe hier expliziert auf rennende und sich bewegende Tiere ein, da sitzende Bilder rein technisch quasi jeder hin bekommt.


Doch mit der Z9 hat sich das Blatt gänzlich gewendet. Die Kamera hat einen Autofokus, der auf dem Auge des Objekts bleibt. Wie Kaugummi klebt er darauf und ich als Fotograf muss mich nicht mehr darum kümmern, dass ich das Auge anvisiere um ein scharfes Bild zu erhalten. Dies übernimmt nun die Technik für mich. Dazu ist dieses 'auf dem Auge bleiben' nach meinen jetzigen mehrfachen Tests an Hunden in der Praxis sehr zuverlässig.

Eine riesige Arbeitserleichterung für mich.

Ich habe in den letzten Wochen nun einige Shootings hinter mir, bei der ich die Z9 immer wieder einsetze. Erstmal dabei als Backup Kamera, da ich mich auf neue Technik bei Kundenshootings nicht verlasse und erstmal einarbeite.

Doch mittlerweile lege ich sie nicht mehr aus der Hand. Es macht einfach Spaß den Autofokus für mich arbeiten zu lassen. Ich kann die Kamera in Perspektiven einsetzen, die für mich vorher nur durch Verrenken möglich waren.

Das Aufnehmen von rennenden Tieren ist ein Klacks geworden. Ich fokussiere nicht mehr auf die Augen, sondern lege nur noch die Bildkomposition fest und ziehe mit. Das Fokussieren übernimmt die Kamera.

Selbst bei schwarzen Hunden, bei denen es keinen Kontrast zwischen Fell und Augen gibt, hält die Technik mit.

So entstehen viel schneller die Bilder, die ich im Kasten haben möchte. Ich kann freier mit den Hunden interagieren und Perspektiven ausprobieren, die vorher nur schwer und mit Aufwand zu erreichen waren, wie beispielsweise flach über dem Wasser. Hier konnte ich früher nur über das Klapp-Display aufwendig fokussieren. Jetzt halte ich die Kamera über das Wasser und schaue, dass das Tier im Bild bleibt. Das war's.

Zusätzlich habe ich nun den Vorteil von 20 Bildern pro Sekunde. Meine D850, bisherige Hauptkamera, schaffte 9 Bilder die Sekunde. Je nach Tier und dessen Renntakt hatte ich so teilweise immer die gleiche Phase/Pose, da die Kamera im gleichen Takt auslöste.

Mit den 20 Bildern der Z9 kann ich mir nun jede einzelne Rennphase perfekt aussuchen, denn sie hat fast eine Bild Frequenz, wie Bewegtbild/Film. Zudem hat die Z9 technisch keinen Blackout mehr, sodass man beim Nachführen das Objekt nicht aus den Augen verliert.

Hier ist nun eine Sache zu nennen, die unbedingt beachtet werden muss: Ausreichend Speicherplatz. Bei meinem umfangreichen Test mit rennenden und spielenden Hunden, verschoss ich mit den 20B/s fast 3000!! Aufnahmen und 128GB innerhalb 45Min. Daran muss ich mich definitiv gewöhnen, die 20 Bilder/s nur in Einzelfällen und gezielt zu nutzen.


Diese drei Punkte, der Autofokus, der entfallene Blackout und die Bildfrequenz, sind für mich unglaubliche Vorteile für meine Arbeit.

Bei weitem habe ich noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, die mir nun die Arbeit erleichtern, aber diese drei sind ein großer Sprung.


Allerdings ist mir emotional etwas aufgefallen als Fotograf. Früher war es ein kleines Glücksgefühl, wenn man aufs Display schaut und ein richtig tolles und scharfes Rennbild festgehalten hat. In dem Moment passte der Fokus, die Phase und das perfekte Bild entstand. Mittlerweile nimmt es einem diese spezielle Freude an einem gelungenen scharfen Action Bild, wenn jedes Bild aus der Serie scharf ist. Klingt zwar komisch, aber es ist etwas neues in meiner Arbeitsweise. Man ärgert sich ironischerweise eher über das eine aus 50, das nicht 100% scharf ist. Zudem sitze ich nun länger an der Vorauswahl für die Kundengalerie. Weil einfach viel mehr gelungene Bilder dabei sind, die ich nicht aussortieren möchte.


Zusammengefasst ist die Z9 für mich ein Werkzeug, dass die Arbeit für mich erleichtert. Ich komme schneller zu meinen Wunschbildern, der Ausschuss ist durch den neuen Autofokus quasi 0.

Eigentlich ist die Kamera, wie jede andere. Man bekommt auch mit meinen Z6II und der D850 tolle Bilder hin, absolut nicht zu bestreiten, denn ich habe die letzten Jahre wunderbare Ergebnisse erreicht. NUR ist der Weg dahin mit der Z9 einfach leichter, kürzer und ich kann mich auf andere wesentliche Dinge bei einem Shooting konzentrieren. Teilweise muss ich nicht mal mehr aufs Display schauen um zu wissen, dass das Bild gut wird.


Aber am Ende bleibt es nur eine Kamera und das Foto mach der Fotograf.



Hier ein paar Aufnahmen der digitalen Suchers der Z9 bei einem Shooting, um die Nachverfolgung des Autofokus bei der Arbeit zu sehen:










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